Beziehungen heilen – Vergebung? Selbst-Ermächtigung!

Man kann immer wieder lesen, dass Vergebung unheimlich wichtig ist, wenn wir frei sein möchten. Dass es bei der Vergebung nicht in erster Linie darum geht, den anderen zu „erlösen“, sondern sich selbst.

Ich werde das hier nicht allzu lang ausführen, kurz, es ist relativ leicht, sich gedanklich davon zu überzeugen, dass Vergebung der richtige Weg ist, dass man sich ohne die Fähigkeit der Vergebung nicht wirklich selbst lieben kann.

Und nichtsdestotrotz ist das so unendlich schwierig; der Gedanke, jemandem, der einen wirklich traumatisiert hat, ehrlich zu vergeben – ruft gerne schwer zu überwindende Gefühle des Widerstands hervor.

Die Wahrheit aber ist niemals so kompliziert.

Inspiriert von „Ein Kurs in Wundern“*, möchte ich hier einmal eine ganz andere Sicht versuchen.
Etwas spirituell und etwas tiefenpsychologisch vielleicht; die Grenzen verschwimmen in diesem Bereich sehr gerne.

Denn es liegt meiner Meinung nach nicht an unserem „bösen, starken Ego“, dass Vergebung so schwierig scheint – sondern tatsächlich daran, dass das auch für unser „höheres/wahres Selbst“ vollkommener Unsinn und erniedrigend ist [sic!].

Eine dicke Wolkendecke kann bedrückend sein - aber nur von unten betrachtet. (-;

Was ist die grundlegende Voraussetzung für Vergebung? Dass jemand verletzt wurde. Dass dort ein Opfer und ein Täter sind. Dass wir glauben, dass jemand anderes uns zu einem Opfer gemacht hat. Dass jemand anderes Macht über uns hat(te).

Sich so einer Einstellung hinzugeben, bedeutet, sich von seinem wahren Selbst abzuschneiden. Denn es ist unverletzbar. Zu glauben, verletzbar zu sein, bedeutet, die Macht über uns selbst weg zu projizieren. Es ist das Gegenteil von Selbstliebe. Es bedeutet, wir wollen die Verantwortung für uns nicht haben. Wir sind es uns nicht wert?

Ob das Verhalten eines anderen Menschen uns schadet oder Freude bereitet oder gar nicht weiter berührt, ist eine Entscheidung, die wir treffen. Eine Deutung. Tatsächlich, je öfter wir uns verletzt oder eingeschränkt fühlen, umso mehr ist das ein Zeichen, dass wir uns unbewusst selbst nicht wirklich mögen.
Das Unterbewusstsein zieht dann schlechte Erfahrungen an, denn seine oberste Priorität ist es, die innere Harmonie zu den vorhandenen Glaubenssätzen zu erhalten (ich bin nicht liebenswert = ich werde schlecht behandelt). Immer!

Wenn ich also Probleme mit anderen Menschen oder dem Partner habe, ist es sinnvoll, zunächst zu hinterfragen, ob nicht tatsächlich die Ursache dafür in mir selbst liegen könnte…?

Ok, vielleicht sagst Du, lieber Leser, jetzt, das mag ja vielleicht sein für einen Erwachsenen – aber was ist mit Kindern, die ja quasi in einem „blank state“ und wehrlos in die Welt kommen. Was ist, wenn Eltern ihre Kinder schlecht behandeln?

Ich sage „jein.“ (-:

Hier müssen wir noch ein bisschen tiefer gehen, nach der Frage, woher kommt das überhaupt, dass Menschen schlecht miteinander umgehen?
Das hat tatsächlich sehr viel mit der Kindheit zu tun, denn in unseren ersten Lebensjahren werden wir quasi von der Außenwelt „programmiert“, das Gehirn befindet sich anfangs ausschließlich in einem „Aufnahme“-Zustand wie ein Recorder (Thetawellen). Wenn wir in den ersten Lebensjahren schlechte Erfahrungen machen, „lernen“ wir, dass wir nicht liebenswert sind und verhalten uns später entsprechend (siehe oben, innere Harmonie).

Ebenso, wie wir in den ersten Jahren lernen, ob gute Dinge (wie Geld oder Liebe beispielsweise) ganz selbstverständlich zu uns kommen, ob wir die uns verdienen müssen oder ob die uns gar nicht zustehen. Hier werden tiefe Muster gelegt, die unser späteres Leben bis ans Ende spiegeln wird, wenn wir sie nicht irgendwann bewusst ändern (Stichwort Wohlstandsbewusstsein).

Wenn also Eltern ihre Kinder schlecht behandeln, dann haben sie als Kinder selbst ähnliche Erfahrungen gemacht und dieses „Programm“ leider niemals bewusst wahrgenommen und verändert.

Sie geben das weiter, was sie selbst als die einzige Wahrheit kennen. Menschen behandeln ihre Kinder so, wie sie sich selbst behandeln. Das ist bisweilen natürlich sehr traurig – für beide! – und ich finde es daher sehr schwierig, hier von „Tätern“ zu sprechen.

Ohne Täter aber: kein Opfer. Und wenn es kein Opfer gibt, kann es auch keine Vergebung geben.

Nun haben wir aber immer noch das unglückliche Kind. Das noch nicht in der Lage ist, zu reflektieren und zu erkennen, dass das Problem bei dem anderen liegt. Sondern das sich das Problem annimmt und die Welt so versteht – „wenn man mich schlecht behandelt, bin ich wohl schlecht.“

Es ist ein Irrtum, den das Kind in sich installiert, weil es noch nicht zu etwas anderem in der Lage ist.

Das ist in der Tat ein Ergebnis, das man als Verletzung verstehen kann. Nichtdestotrotz ist es nur ein Irrtum – und ein Irrtum ist etwas, das berichtigt und geheilt werden kann.

So traurig das ist, so sehr ist das auch eine Chance. Ein Mensch, der seine innere Freiheit erst finden muss, wird sie später viel mehr zu schätzen wissen als jemand, der nie etwas anderes kannte. Wir können nur positive Erfahrungen machen, wenn wir auch die schlechten kennen. Je größere „Tiefen“ wir kennen, umso mehr können wir die „Höhen“ schätzen. Deshalb sind alle Erfahrungen, die wir machen, Geschenke – wenn wir sie als solche verstehen.

Was ist nun mit den Beziehungen? Ich denke, als Erwachsene können wir ja entscheiden, mit welchen Menschen wir uns umgeben. Wenn ich meinen Teil ehrlich geklärt habe und mich trotzdem mit jemandem nicht wohl fühle, dann verbringe ich eben möglichst wenig Zeit mit dem. Diese Wahl haben wir immer! Selbst wenn es ein Arbeitskollege ist. Auch den kann man „verlassen“.

Das heißt natürlich nicht, dass man immer gleich weglaufen soll. Probleme, die man lösen kann, sind es wert gelöst zu werden, denn das ist eine bereichernde und verbindende Erfahrung! 

Es gibt aber auch Menschen, die anstrengend sind und einen „runter ziehen“ oder gern Streit provozieren. Es sind die Menschen, die sich selbst nicht lieben und mit solchen kann man keine gute Beziehung eingehen. Dann kann man durch Verständnis für den anderen die Beziehung in sich heilen und auf einem “guten Verhältnis” halten; man kann aber kaum eine intensive “gesunde Beziehung” mit solchen Menschen leben. Zur Selbstliebe kann man niemanden zwingen (und sollte man auch nicht! Jeder ist frei!), man kann aber immer sich selbst lieben und von negativen Einflüssen fern halten.

Die eine Beziehung, die wir nicht verlassen können, ist die zu unserer Familie, vor allem natürlich den Eltern. Selbst wenn wir den Kontakt abbrechen, bleibt diese Beziehung einfach bestehen. Eine Freundschaft kann man „kündigen“, aber ein Eltern-Kind-Verhältnis eben nicht. Das geht sogar über den Tod hinaus.

Wenn diese Beziehung für uns nicht gut ist, sind wir nicht heil. Wenn meine Eltern nicht gut sind, kann ich es auch nicht sein – genau das ist die unbestechliche Logik des Unterbewusstseins.

Wie kann man also mit so etwas umgehen, wie kann man es heilen?

Ich habe oben geschrieben, dass Vergebung Unsinn ist, weil wir uns damit selbst entmachten. Weil wir unsere Verantwortung für uns selbst abgeben.

Der Weg liegt darin, diese Idee umzukehren, sich selbst wirklich anzunehmen. „Ich allein habe die Macht über mich. Ich bin der Mensch, der ich sein möchte [ja, mit meinen Fehlern und Lernaufgaben, die haben wir alle!]. Ich möchte genau jetzt niemand anderes sein.

Dieser letzte Satz ist die Antwort. Wer wir genau jetzt sind, ist schließlich ein Ergebnis des Zusammenspiels unserer Erfahrungen im Außen und im Innern. Hätte ich andere Erfahrungen gemacht, wäre ich jetzt nicht da, sondern jemand anderes.

Wenn ich also genau diese „Version“ von mir sein möchte, die ich gerade bin – dann geht das nur mit diesen Erfahrungen. MIT diesen Eltern.
Wenn ich mir die Eltern anders wünsche, kommt das dem Wunsch nahe, mein Selbst töten zu wollen (!)

Der Schüssel also ist, aus dem hier und jetzt rückwirkend genau diese Eltern zu wählen (oder mit wem oder was auch immer ich in der Vergangenheit ein Problem hatte)! Denn sie haben dazu beigetragen, dass ICH JETZT HIER SEIN kann („danke“).

Das Hier und Jetzt ist das ist das Einzige, worauf es ankommt. Denn etwas anderes gab es nicht, gibt es nicht und wird es niemals geben.

Nur wenn ich mir erlaube, zu wählen – bin ich wirklich frei. Und ein freier Mensch, der sich selbst liebt, wird wunderbare Beziehungen führen.

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